
Das alte Texten ist Geschichte. Zumindest das Texten, so wie wir es bis vor 3 Jahren kannten. Dazu gehörte Know-how, das wir uns in Schule, Studium, Beruf aneigneten. Dazu gehörte Lernen, Übung, Spezialisierung. Dazu gehörte: Schreibschrift, Rechtschreibung sowie das Lesen, Erfassen und Wiedergeben von Texten. Dazu gehörte Textproduktion: Etwas kommentieren, analysieren, erörtern – oder erzählen, dichten und so weiter. Die Textproduktion war und ist unterteilt in viele Schritte, vom Brainstorming bis zum Korrektorat, von der Erstellung einer Gliederung bis zur Kürzung, von der Suche nach passenden Worten bis zur stilistischen Überarbeitung.
Und jetzt? Kommt die KI ins Spiel – die für und mit uns recherchiert, schreibt, formuliert und uns im gesamten Prozess der Textproduktion begleitet.
KI kann das Texten demokratisieren.
Eine erste, vielleicht überraschende Einschätzung: Das hat durchaus auch gute Seiten. Schreiben, texten oder formulieren können, das hatte in der „alten“ Welt immer auch mit Talent, Möglichkeiten und sozialer Lage zu tun. Texten bedeutete auch: Kontrolle über Wörter (Bedeutungen), über Strukturen (Grammatik, Syntax), Inhalte (Argumentationslinien). Schon die Begriffe „Orthografie“, „Stil“, „Argumentation“ geben einen Hinweis darauf, dass Textproduktion einen Bildungsstand und -status voraussetzt(e).
Wer noch erlebt hat, wie Schüler*innen in den 70er Jahren als „Legastheniker“ mit Intelligenztests konfrontiert wurden, wer selbst vielleicht nicht so sicher in Rechtschreibung war, wem das Formulieren nicht so leicht fiel, wer wenig Lust auf „gute Literatur“ hatte, kann das sicher nachvollziehen.
Menschen, die im Schreiben und Texten versiert waren, ihren Selbst-Wert wie ihren Markt-Wert stark über ihre Text-Kompetenz definiert haben, kommen nun an den Punkt, an dem Fotograf*innen und Grafiker*innen schon vor 15 oder 20 Jahren waren. Das Feld „Grafik“ wurde durch InDesign oder Jimdo demokratisiert. Das Feld „Fotografie“ durch Photoshop. Insofern ist die Text-Entwicklung mit KI so etwas wie eine nachgeholte Demokratisierung des Feldes „Text“.
Mit KI ist es mit dem alten Texten vorbei – aber auch mit der kulturellen Überhöhung und dem bildungsbürgerlichen Diskurs darum herum.
Es lebe das neue Texten!
Das neue Texten lebt – mit KI. Was folgt daraus?
Schritte und Workflows bleiben wichtig. Text-Expert*innen arbeiteten auch bislang schon in mindestens etwa 5 Durchgängen: Recherche und Brainstorming, Gliederung und Struktur, Entwurf, Überarbeitung, Lektorat und Korrektorat. In der Zusammenarbeit mit KI ist es entscheidend, diesen Workflow im Auge zu behalten, die Schritte an die Zusammenarbeit mit KI anzupassen und sich nicht von der KI in den „Chat-Modus“ ziehen zu lassen, sondern die eigenen Bedürfnisse und Routinen wertzuschätzen und zu sichern.
Auf die eigene Kreativität vertrauen und bewährte Kreativitätstechniken beibehalten. Schreiben mit KI braucht bewusste Pausen, Ortswechsel und einen Wechsel zwischen Erzeugen und Überarbeiten. Also: Nach dem Entwurf eine Pause machen. Nicht in der gleichen Körperhaltung schreiben und prüfen. Den Text im Stehen, an einem anderen Ort noch einmal aus einer anderen Perspektive lesen. Nicht permanent im Chat bleiben.
Das Wording der Organisation definieren: KI produziert sogenannte „mittlere Tonlagen“, einleuchtende Übergänge und eingängige Argumentationsmuster. Wer Provokantes, Außergewöhnliches oder Aufrüttelndes sagen will, muss sich gegen die KI durchsetzen – und wissen, wie das geht.
Barrierefreiheit in Zeiten von KI erweitert denken: Die Invasion KI-generierter Texte (aber auch: Fotos, Filme, Musik) kuratieren, das wird eine wichtige Aufgabe werden – so dass gerade Menschen mit wenig KI-Kompetenz oder Lese-Kompetenz nicht überwältigt werden von der Fülle oder überfordert sind mit dem Aussortieren von KI-Müll.
KI-Kompetenz kostet Geld: Um wirklich professionell zu texten braucht es verschiedene Tools, von Perplexity fürs Recherchieren über ChatGPT fürs Formulieren bis hin zu den diversen Tools für Rechtschreibung, Stil & Co. Das bedeutet: Menschen brauchen Überblick über die Tools am Markt – aber nicht zuletzt auch Geld. Wir werden demnächst die vermehrte Monetarisierung bislang kostenfreier oder kostengünstiger KI-Tools erleben. Die entscheidende Frage wird bald lauten: „Wie viel KI kann ich mir leisten?“
Die Zusammenarbeit mit KI setzt Expertise und Wissen voraus, insofern ist JETZT ein guter Zeitpunkt, um alte Kulturtechniken wie „Schreiben“, „Argumentieren“ und „Formulieren“ in Kombination mit neuen Kulturtechniken wie „Prompten“ zu vermitteln.
Den Rahmen, den die Maschine setzt, immer wieder hinterfragen und selbst schreiben. Zum Beispiel, indem man immer wieder Artikel oder Blogbeiträge bewusst ohne KI textet – so wie diesen Beitrag für die Froschperspektiven.