mauerEin Mann hatte eine Mauer. Die war ihm hinderlich. Da ging er los und kaufte einen Hammer. Wieder zu Hause, legte er den Hammer in eine Ecke. Morgen wollte er sich an die Arbeit machen. Dann ging er zu Bett. Am nächsten Morgen erwachte er. Er betrachtete den Hammer und die Mauer. Die Mauer musste weg. Sie war hinderlich. Sie war im Weg. Das war offensichtlich. Offensichtlich – zumindest für ihn. Warum schien das sonst niemanden zu kümmern? Wo blieb der Aufschrei, die Empörung, der Aufstand gegen die Mauer? Es konnte doch nicht sein, dass er der einzige war, dem die Mauer hinderlich war. Es konnte doch nicht sein, dass er der einzige war, der die Mauer als das erkannt hatte, was sie war: Ein Hindernis. Es konnte doch nicht sein, dass er alleine war mit seiner Betroffenheit, seinem Zorn, seiner Empörung. Warum eigentlich kümmerte das sonst niemanden? Der Mann stürzte auf die Straße, fragte Menschen, klingelte an Haustüren. In der Tat: Viele Menschen hatten ebenfalls eine Mauer. Vielen Menschen war ihre Mauer ebenfalls hinderlich. Viele davon hatten noch nie so richtig darüber nachgedacht. Viele gaben an, ebenfalls voller Empörung und Wut zu sein. Viele gaben an, ebenfalls bereits über den Kauf eines Hammers nachgedacht zu haben. Der Mann fühlte sich bestärkt und bestätigt. Die Mauer war hinderlich. Die Mauer war allen hinderlich. Es bedurfte nur eines Anstoßes. Es bedurfte nur eines Anstoßes – und ein Aufschrei ginge durchs Land. Es bedurfte nur eines Anstoßes – und Empörung machte sich breit. Er selbst war in der Lage, Menschen diesen Anstoß zu geben. Er konnte Menschen erreichen. Der Mann verstärkte seine Anstrengungen. Er hielt Reden, organisierte Demonstrationen, Mahnwachen, Aufmärsche. Er trat bei Podiumsdiskussionen auf, in Talkshows und bei Gedenkveranstaltungen. Er führte Demonstrationen an, Menschen folgten ihm und skandierten: „Die Mauer muss weg!“ Der Mann wurde zum Sprachrohr einer ganzen Bewegung, der Bewegung der Mauergegner. Eine Bewegung, die eines verband: Eine unbezwingbare, eine glühende Empörung gegen die Mauer. Eine Bewegung, die unermüdlich, wortgewaltig und druckvoll auf diesen Missstand hinwies: Die Mauer.